Tim Sund - Butterfly Effect

Tim Sund - keys,
Tom Christensen - tenorsax, flute, bassclarinet,
Christof Griese - tenorsax, saxello, altoflute,
Christian Kappe - trumpet, flugelhorn,
Adrian Sherriff - basstrombone, shakuhachi, morsing,
kai Brückner - guitar
Dirk Strakhof - acoustic & electric bass
Rainer Winch - drums
Leon Griese percussion, drums

Manchmal sind es die kleinen Momente, aus denen etwas Großes entsteht. Momente voller Magie und Telepathie. So wie sie der Berliner Komponist und Keyboarder Tim Sund vor drei Jahren auf einem Jazz-Workshop in der Bundeshauptstadt erlebte. Auf der Setlist für das Dozentenkonzert, für das er die musikalische Leitung übernommen hatte, stand unter anderem „Butterfly“ von Herbie Hancock. Eine Komposition mit einem eingängigen Motiv, die jedoch auch viel Raum für musikalische Interaktion und Interpretation lässt. „Das blinde Verständnis der Beteiligten auf der Bühne färbte schnell auf das Publikum ab, das von diesen magischen Momenten ebenso fasziniert war wie wir“, erinnert sich Sund an diesen besonderen Abend. An dessen Ende stand die Idee, sich intensiver mit Hancocks Schaffensperiode der frühen 1970’er Jahre zu beschäftigen. „Butterfly Effect“ lautet konsequenterweise der Titel des Albums, mit dem Sund dem US-amerikanischen Ausnahmepianisten und langjährigen Weggefährten von Miles Davis Tribut zollt.
Bis auf das Titelstück stammen sämtliche Stücke aus der sogenannten „Mwandishi-Phase“. Eine Zeit, in der Hancock vom Klavier auf das E-Piano wechselte und mit diversen Synthesizern und Klangeffekten (z.B. mittels Ringmodulator und Delays) experimentierte. Neben „Mwandishi“ (1971) gehören die beiden Alben „Crossings“ (1972) und „Sextant“ (1973) in diese Phase, die - selbst unter professionellen Musikern - vergleichsweise unbekannt sind und für Hancock kommerzielle Flops bedeuteten. Künstlerisch waren sie für ihn umso wichtiger. „Hancock war schon immer – wie man heute sagen würde – ein Elektronik-Nerd, der auf diesem musikalischen Feld Pionierarbeit geleistet hat. Bevor er sich professionell der Musik zuwandte, hatte er Elektrotechnik studiert. Letztlich war es dann Miles Davis, der ihn eines Tages bei einer Studio-Session dazu verdonnerte, statt auf dem Klavier auf dem Fender Rhodes zu spielen. Und Hancock verliebte sich sofort in diesen Klang“, weiß Sund.
Klanglich und stilistisch erinnern viele Stücke der Mwandishi-Phase an „In a Silent Way“ – das erste Fusion-Album von Miles Davis. Für dieses Album hatte Hancock – neben Joe Zawinul – am Fender Rhodes Platz genommen. In den Monaten danach formierte Hancock nach und nach seine eigene Band, zu der unter anderem Julian Priester (Posaune) und Benny Maupin (Saxofon) zählten. „In diesem Ensemble ging es natürlich um Musik, aber auch um gemeinsame spirituelle Erfahrungen“, erklärt Sund mit Blick auf die Jahre, in denen sich Hancock und seine Mitspieler mit der buddhistischen Lehre befassten. Auch musikalisch ging es experimentell zu – mit spacig und leicht funky anmutenden, elektronischen Klangcollagen und viel Raum zum Improvisieren.
Für Sund, der auf „Butterfly Effect“ ein halbes Dutzend dieser Stücke neu arrangiert hat, bedeutete das einen künstlerischen Drahtseilakt – und akribische Feinarbeit. „Bis auf ‘Butterfly‘ gab es zu keiner Komposition Noten oder Sheets, da sich niemand bis dahin die Mühe gemacht hatte, diese Kompositionenzu transkribieren. Also setzte ich mich hin, analysierte die Stücke sorgfältig und überlegte, wie ich diesen musikalischen Rohdiamanten etwas mehr Struktur verleihen könnte“, schildert Sund den Entstehungsprozess des Albums, mit dem er die Originale in neuem Glanz erstrahlen lässt.
Schon der Opener zeigt auf beeindruckende Weise, welche grandiosen, stimmungsvollen Klanggemälde Sund mit seinem Nonett – bestehend aus der Creme der Berliner Jazzszene und Gästen aus New York und Australien - entstehen lassen kann. „Hidden Shadows“ ist ein musikalisches Kraftpaket mit packendem Groove, eingehüllt in einen Bigband-artigen Sound. Im einen Moment röhrt die Besetzung aus E-Gitarre, Trompete, Saxofon, Flöte und Bassposaune famos, im nächsten Moment zirpt und flirrt es gehörig, wenn Sund am Moog seine Effekte einstreut. Eine perfekte Fusion aus akustischen und elektronischen Klangwelten, die mit jedem Durchlauf neue Nuancen und Details für die Zuhörenden freigibt.
Dass sich selbst aus vergleichsweise wenig Ausgangsmaterial eine packende musikalische Geschichte erzählen lässt, beweisen Sund und seine Spielgefährten in „Ostinato/Nefertiti“. „Bis auf das sich wiederholende Bassmotiv, das Ostinato, gab es keine Fixpunkte, an denen wir uns hätten halten können“, erinnert sich Sund, dem jedoch ein anderes Detail auffiel. Im Original-Ostinato zitiert Hancocks Trompeter, Eddie Henderson, das Motiv von „Nefertiti“ – dem Stück, das Wayne Shorter einst der ägyptischen Königin Nofretete gewidmet hat. „Diesem dezenten Hinweis wollte ich mehr Platz einräumen, deshalb habe ich in meinem Arrangement beide Stücke kombiniert“, erklärt Sund.
Am Anfang und Ende des Stückes sind gesampelte Klänge einer analogen Schreibmaschine zu hören, die das Geschehen auf eine weitere Ebene transportieren. „Ich hatte das Bild von einem Schriftsteller im Kopf, der in den 1970èr Jahren an seinem Schreibtisch sitzt und seine Geschichte zu Papier bringt“, erklärt der Berliner Keyboarder, für den die Arbeit an „Butterfly Effect“ ein – in jeder Hinsicht – Horizont erweiterndes Projekt war. „Der Prozess hatte für mich eine enorm befreiende Wirkung, weil ich die Gelegenheit hatte, Klänge und Sounds auszuprobieren, von denen ich vorher nie auf die Idee gekommen wäre, sie zu verwenden.“
Doch nur auf diese Weise ergeben sich eben diese seltenen, magischen Momente, aus denen Großes entstehen kann. Ein Album, das man schon zu Jahresbeginn zu den (deutschen) Jazz-Highlights 2019 zählen kann.
Tim Sund - Butterfly Effect (Laika Records 2019, Laika/Rough Trade)

Tim Sund - Butterfly Effect - CD Release Concert

Tim Sund - Butterfly Effect - CD Release Concert

PRESSE

Kann es sein, dass man, bevor überhaupt die erste Note gespielt ist, schon weiß, dass hier Großes entsteht? Allein die Tatsache, dass Tim Sund die meisten Kompositionen aus der „Mwandishi“-Phase von Herbie Hancock in mühevoller Kleinarbeit transkribieren musste, weil weder Noten noch Sheets existierten, verleiht dem Projekt eine herausragende Bedeutung. Was der Berliner Keyboarder dann mit einem Nonett, bestehend aus der Crème der Hauptstadt-Jazzszene sowie Gästen aus New York und Australien, als Ergebnis vorlegt, ist feinste Fusion ohne Patina. Mal röhrt die Band im Bigband-Drive fett groovend mit E-Gitarre, Flöte, Trompete, Saxofon und Bassposaune, dann lässt es Sund am Moog heftig fiepen, zirpen und flirren. Klar birgt die Auseinandersetzung mit einem Denkmal wie Hancock die latente Gefahr, krachend zu scheitern. Dass dem 47-Jährigen aber genau das Gegenteil gelingt, liegt auch an seiner akribischen, detailverliebten Herangehensweise. Sund verleiht bislang kaum beachteten Rohdiamanten wie „Rain Dance“ oder dem famosen „Butterfly“ Struktur und einen zeitgemäßen Glanz. Der perfekte „Butterfly Effect“.
Text: Reinhard Köchl, Jazz thing 128